Eine Schale voll Musik
Text: Fabian Müller
Nach dem wunderbaren Teemusik-Projekt, das auf Menglins Anregung entstand und in dem ich versuchte, den Duft und den Charakter von Tee in Musik einzufangen, und nachdem Pi-Chin und ich durch sie Lo Senhao kennenlernen durften, entstand ein weiteres gemeinsames Projekt.
Gleichsam fasziniert von der geheimnisvollen Schönheit von Lo's Tienmu-Schalen habe ich versucht, ihre stille Magie in Musik zu verwandeln.
So wie der Tee eine zusätzliche Dimension gewinnt, sobald er in eine Tienmu-Schale gegossen wird, stellte ich mir vor, Klänge in eine solche Schale zu giessen. Langsam füllt sich der Raum mit Musik, die von den Farben, dem Licht und der Atmosphäre der Schale berührt wird – als würden ihre Muster und Tiefen und die Universen, in die man bei ihrer Betrachtung blickt, zu Tönen werden.
Farben haben mich seit jeher zu Klängen geführt. Ebenso die Natur, das unaufhörliche Spiel der Elemente: Erde, Wasser, Feuer und Luft. In einer Tienmu-Schale scheint sich alles zu begegnen, sich zu verdichten und zu verschmelzen. Diese Nähe zur Natur ist es, die mich ebenso inspiriert wie Lo in seinem Schaffen.
Vielleicht sind sich das Komponieren und das Erschaffen einer Tienmu-Schale näher, als es auf den ersten Blick scheint. Beide beginnen mit einem kaum fassbaren Impuls – einem Einfall, einer Ahnung –, der sich langsam entfaltet, Form annimmt und sich verdichtet. Aus diesem intuitiven Prozess wächst schließlich eine Schale oder eine Partitur: zwei unterschiedliche Gestalten derselben schöpferischen Bewegung.
Es mag überraschen, dies von einem Komponisten zu hören: Das Schönste und vielleicht Eigentlichste an der Musik ist nicht der Klang selbst, sondern der stille Raum, den sie in ihrem Verklingen hinterlässt. Es scheint mir, dieselbe Stille zu sein, die einem begegnet, wenn der Blick in die Tiefe einer Tienmu-Schale sinkt: "Stiller Klang".
Pi-Chin Chien, Violoncello
Pi-Chin Chien ist eine international gefragte Solistin und Kammermusikerin, die in renommierten Konzertsälen wie der Carnegie Hall, dem Lincoln Center, dem Konzerthaus Berlin, der Berliner Philharmonie und der Tonhalle Zürich auftritt. Als Solistin ist sie auf Aufnahmen mit dem Royal Philharmonic Orchestra, dem Philharmonia Orchestra und dem Zürcher Kammerorchester unter der Leitung von David Zinman, Ruben Gazarian und Wen-Pin Chien zu hören.
Die in Taiwan geborene Cellistin studierte in Zürich, Luzern und Prag mit Auszeichnung. Sie ist Gründerin und künstlerische Leiterin des „Taiwan International Cello Festival“ (TWICF), der „Swiss Music Night“ in Taiwan sowie des Zürcher Musikfestivals „Confluence“.
Große Beachtung fand ihr Sony Classical-Album Taiwan Rhapsody mit Werken von Fabian Müller nach taiwanischen Volksliedern, aufgenommen mit dem Royal Philharmonic Orchestra. Die Uraufführung erfolgte mit dem National Taiwan Symphony Orchestra, weitere Aufführungen in der Berliner Philharmonie und der National Concert Hall.
Ihr aktuellstes Album „Ever Forest – Resonance of Taiwan“ ist für den „Grammy“ Taiwans, den „Golden Melody Award for Traditional Music and Arts“ 2026 nominiert.
Sie wurde zweimal zur renommierten Konzert-Reihe im Presidental Office in Taiwan eingeladen und trat bei der ersten Verleihung des Kaiser-Otto-Preises zu Ehren des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auf.
Fabian Müller, Komposition, Violoncello
Die Werke von Fabian Müller (*1964) werden weltweit von renommierten Musikerinnen und Musikern wie David Zinman, Andris Nelsons, Sir Roger Norrington, Steven Isserlis und Dame Evelyn Glennie aufgeführt.
Zahlreiche CD-Einspielungen dokumentieren sein vielseitiges Schaffen, darunter Aufnahmen mit dem Philharmonia Orchestra, dem Royal Philharmonic Orchestra, dem Zürcher Kammerorchester und dem Petersen Quartett.
Seine Oper EIGER (2021/22) zählt zu den erfolgreichsten Schweizer Opernuraufführungen der letzten Jahre und wurde als „Schweizer Meisterwerk“ gefeiert.
Nach dem Cellostudium bei Claude Starck studierte Müller Komposition in Zürich und den USA. 1996 erhielt er den Jacob Druckman Award, 2016 den Schweizer Musikpreis.
2024 wurde er für den OPUS KLASSIK als „Komponist des Jahres“ nominiert. Sein 2025 erschienenes Album mit den Streichquartetten Nr. 2–4, eingespielt vom Galatea Quartett, erhielt hervorragende Kritiken, einen Supersonic Award und eine ICMA-Nominierung.